Samstag, 21. August 2010
Erntezeit - Erntefeste
Für das Einbringen der Ernte gab - und gibt es mancherorts auch heute noch - eine ganze Reihe von Bräuchen, die den Erhalt des Korns sichern und Glück für die nächste Ernte bringen sollen.
So wurde etwa das erste Fuder (= Wagenladung, Fuhre) feierlich aufgeladen und heimgebracht. Es wurde nicht gesprochen, erst recht durfte kein Streit oder sonstiger Lärm gemacht werden - sonst fraßen die Mäuse die Ernte. Die erste Korngarbe oder zumindest einige Ähren davon steckte man an das Pferdegeschirr. Diese wurden später auch zuerst gedroschen. Auch auf dem Hof wurde dieser erste Wagen besonders begrüßt und die Bäuerin öffnete - ebenfalls schweigend - Hof- und Scheunentor für ihn. Auf dem letzten Fuder prangte oftmals ein Papphahn als Fruchtbarkeitssymbol (ein Ersatz für vormals geopferte lebendige Hähne), der mit ausgepusteten Eiern und Bändern geschmückt war. Anschließend aufs Haus- oder Scheunendach genagelt, wachte er dort bis zur nächsten Ernte.
Auch mit der letzten Garbe hatte es eine besondere Bewandtnis: In einigen Gegenden herrschte der Glaube, daß im Korn ein Dämon wohnt, der, mal unheilvoll, mal segensreich, auf das Leben der Menschen Einfluß nehmen konnte - und den man sich von daher lieber nicht zum Feind machen wollte. Durch die Schnitter in seiner Ruhe gestört, floh dieser Korngeist nun von den gemähten Stücken, bis ihm nur noch die letzte Garbe übrig blieb, in der er sich versteckte. Man schnitt daher diese letzten Ähren nicht, sondern ließ sie stehen und band sie so zusammen, daß sie aussahen wie eine Gestalt.
Erntefeste
Eines haben Erntefeste, so verschieden sie auch je nach Landstrich sein mögen, gemeinsam: Sie werden mit allem zu Gebote stehenden Überschwang gefeiert. Die Wochen der Plackerei haben ein Ende, die Ernte ist sicher unter Dach und Fach, kurz, alle die mitarbeiteten, haben sich ein Fest redlich verdient. Auch heute noch gibt es eine Vielzahl verschiedenster Erntefeste, von den allgemeinen Erntedankfesten bis zu speziellen Feiern für einzelne Frucht- oder Getreidesorten oder Berufsstände. Auf dem Drescherfest zum Beispiel wird der Abschluß der harten Arbeit in der Tenne mit einem kräftigen Essen gefeiert, bei dem alle "wie die Scheunendrescher" essen, woher übrigens auch diese Redensart stammt. Auf vielen Erntefesten werden auch Erntekönige, wie Nußkönig, Hopfenkönig, Graskönigin oder Haferbraut gewählt, die - ähnlich wie Maikönig oder -königin - als Vortänzer oder Festordner fungieren, den Ablauf der Feierlichkeit oder Teile davon wie etwa Spiele, vorschlagen und arrangieren und manchmal obendrein auch noch die Zeche zahlen.
Ein Brauch hingegen, der wohl eher der Vergangenheit angehören dürfte, sind z.B. Fitz- und Schneidefeste bei der Ernte der Stangenbohnen, die man früher, als es noch keine Tiefkühltruhen gab, abzog, schnitt und einsalzte. Zu diesem Zweck fand sich die ganze Nachbarschaft zum "fitzen" bei demjenigen zusammen, der die Bohnen gerade geerntet hatte und wanderte so durch das ganze Dorf. Dazu gab es Kaffee und Kuchen, Lieder wurden gesungen und Geschichten erzählt.
Quelle:
Das große Ravensburger Buch der Feste und Bräuche, Otto Maier Verlag
Ravensburg, 1987
Erstveröffentlichung am 24. und 25. August 1997
20. August 2010