Reisebericht aus Gaza
Von Gabi Weber, 8. September 2010
Liebe Leserinnen und Leser,
obwohl ich vorhatte, regelmäßig einen kleinen Bericht aus Gaza zu
schicken, ist mir dies nicht gelungen, angesichts der chaotischen
Zustände - was Strom und Internetzugang anbetrifft. Auch jetzt gerade
habe ich keine Internetverbindung (es ist Mittwoch morgen, 00h15), da
der Strom wieder ausgefallen ist.
Morgen müssen wir die Zelte hier abbrechen, da die ägyptische Grenze
ab Donnerstag für drei Tage geschlossen wird - Anlass ist das Fest zum
Ende des Fastenmonats Ramadan. Die Trauer ist auf allen Seiten groß -
Abschied nehmen in Gaza grenzt an ein Drama, da man nie weiß, ob und
wann man sich wieder sehen wird. Es bleibt immer ein Stück des
Herzens bei diesen armen Menschen.
Wie schon in meinem Anfangsbericht geschildert, empfinden meine Kinder
und ich die latente Bedrohung vor allem aus der Luft, als psychisch
nur sehr schwer erträglich. Wenn man abends im Dunklen an Gaza's
herrlichem Strand sitzt, den Sternenhimmel über sich hat und das
Meeresrauschen hört, glaubt man fast daran, dass dies ein schöner,
harmloser Urlaubsstrand ist, wie man ihn überall auf der Welt finden
kann. Doch dann kommen die israelischen Überwachungsflugzeuge,
erzeugen ein entsprechendes Motorengeräusch und automatisch erlebt man
ein Gefühl der Bedrohung. Als wir diese Flugzeuge zum ersten Mal
hörten, hatten wir solche Angst, dass uns die Einheimischen ausgelacht
haben. Sie versuchten natürlich, uns zu beruhigen, doch gelang dies
nur schwer. Sie erklärten uns, dass nur die Helikopter gefährlich
seien.
Heute nun, ein Tag vor dem Ramadanfest, kamen dann auch die
Helikopter. Sie kreisten minutenlang unweit von uns. Allen war klar,
dass dies kein gutes Zeichen sei, da sie berüchtigt für die
sogenannten "gezielten Tötungen" mit entsprechenden
"Kollateralschäden" (wie ich dieses Wort hasse) sind. Bis jetzt wissen
wir nicht, ob sie wirklich "zugeschlagen" haben, da wir keine
Nachrichten hören können. Unsere Angst hielt sich diesmal in Grenzen,
da wir zwischenzeitlich einen kleinen Fatalismus entwickelt haben -
man sagt sich, dass man, wenn es soweit kommen sollte, es doch nicht
ändern kann - und hofft darauf, verschont zu bleiben.
Vorgestern habe ich eine Hilfsorganisation für Frauen und Kinder in
Gaza Stadt besucht. Mir wurde dort bestätigt, was ich selbst bei
meinen vielen Gesprächen empfunden habe - diese Menschen sind ALLE
traumatisiert. Sie befinden sich in einem Dauertrauma (ongoing
trauma), und keiner kann ihnen heraus helfen. Sie haben im Laufe der
letzten 43 (oder besser gesagt 62) Jahre ein Trauma nach dem anderen
durchleben müssen, ohne Zeit zu einer Auf- und Verarbeitung für jedes
Einzelne zu haben. Ein schreckliches Ereignis reiht sich an das
Nächste.
Es gibt hier zwar viele Universitätsabgänger im Fach Psychologie, sie
alle haben aber keinerlei klinische Erfahrung - auch fehlt ein
Studiengang in klinischer Psychologie. Es kommen viele verschiedene
HelferInnen vom Ausland, doch bleiben diese meist nur wenige Wochen,
können Impulse geben und auch entsprechende Informationen mit nach
Hause nehmen. Das große Grundproblem der Palästinenser aber - das
FEHLENDE SICHERHEITSGEFÜHL - hat bis jetzt noch keiner gelöst. Ob wohl
unsere "westliche-Werte-Demokratien", die sich so gerne mit hehren
Ansprüchen und Eigenschaften schmücken, endlich dafür eintreten, die
völkerrechtswidrige BESATZUNG ohne Bedingungen zu beenden und einen
gerechten Frieden in Palästina zu schaffen? Es ist schon lange an der
Zeit und die armen Menschen hier, haben es mehr als verdient, endlich
ihren Wunsch nach einem "normalen" Leben erfüllt zu bekommen. Viele
meiner Gesprächspartner haben kein Interesse an Politik, sie wünschen
sich einfach nur zu leben, ihren Alltag zu bewältigen und ihre Kinder
zu glücklichen Menschen heranwachsen zu sehen. Die unglaublich hohe
Geburtenrate in Gaza hat auch damit zu tun - die meisten Eltern
verlieren mehrere Kinder im Laufe der Jahre. Kinder sind die
Altersvorsorge, die Eltern werden von den Söhnen versorgt , sie
bleiben im Familienverbund bis sie sterben.
Ein weiterer Besuch galt vorgestern der Samouni-Familie, die bei der israelischen Militäroffensive "Gegossenes Blei" im vergangenen Jahr 29 Familienmitglieder verloren hatte. Ich konnte mit den betreuenden ErzieherInnen am Nachmittag zwei Stunden ca. 40 Kinder beim Spielen, Singen und Toben zusehen. Ein ebenso anwesender amerikanischer NGO-Mitarbeiter kritisierte zu Recht, dass aus dem Schicksal dieser Kinder ein Medienspektakel geworden ist. Wöchentlich kommen Fernsehteams und bringen Unruhe in die Arbeit der Therapeuten. Manche der Kinder kommen automatisch vor die Kamera, leiern ihre traumatische Geschichte herunter und werden so ständig an diese schrecklichen Ereignisse erinnert. Auch schilderte mir der Amerikaner, dass Gaza überschwemmt wird mit unnötigen "Hilfsgütern", die eigentlich gar nicht angepasst sind an die Situation hier vor Ort. Anstatt wirklich auf die Bedürfnisse der Gesellschaft einzugehen, die unbedingt dazu gebracht werden muss, aus dem Status des "Bettelns" in den Status des aktiven Handelns gebracht zu werden, beruhigt die Staatengemeinschaft ihr schlechtes Gewissen durch solche Hifslieferungen. Welche Verschwendung von Material, Logistik und Geld!
Es gibt noch viel zu berichten, doch möchte ich mich nun, da es zwischenzeitlich 1h30 geworden ist, von Ihnen verabschieden.
Die nächste Rundmail wird Sie voraussichtlich wieder aus Freiburg erreichen, wenn alles so klappt, wie es sein sollte. Doch man weiß ja nie - hier in Gaza noch weniger als irgendwo sonst auf dieser Welt. Noch einmal sende ich Grüße aus dem schönen, armen, vor Leben und Schmutz überbordendem, traurigen und dennoch hoffnungsvollem Gazastreifen.
G. Weber
Quelle:
© Dr. Gabriele Weber, September 2010
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
veröffentlicht im Schattenblick zum 9. September 2010