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MILITÄR/948: USA - und mehr als Säbelrasseln ... (SB)


USA - und mehr als Säbelrasseln ...


Die Corona-Virus-Pandemie, die zuerst in der chinesischen Stadt Wuhan ihren Lauf nahm, treibt in den USA die dort stets latente Sinophie zu neuen und gefährlichen Blüten. Während dumpfbackige Hurra-Patrioten auf offener Straße Menschen chinesischen oder asiatischen Aussehens bespucken oder schlagen, ziehen bei der Regierung und dem Kongreß in Washington die Republikaner, angeführt von Präsident Donald Trump höchstpersönlich, gegen die Volksrepublik China verbal in den Krieg. Leider muß man befürchten, daß auf die populistischen Sprüche, mit denen Trump und Konsorten von der eigenen Verantwortung für den Niedergang der USA im allgemeinen und die desaströse Bewältigung der Corona-Krise im besonderen ablenken wollen, auch Taten folgen werden, die in ihrer Grausamkeit die herkömmliche Vorstellungskraft sprengen.

Für Teile von Militär und Politik in Washington befinden sich die USA bereits jetzt in einem nicht offiziell erklärten Krieg mit China. Deswegen wurde am 2. April Brett Crozier kurzerhand als Kapitän des im westlichen Pazifik operierenden Flugzeugträgers U. S. S. Theodore Roosevelt gefeuert, als er unter ausdrücklichem Verweis auf den Friedenszustand auf die Evakuierung seines Schiffs zwecks Bekämpfung eines Ausbruchs der Covid-19-Lungenkrankheit drängte. An diesem Hinweis hat der zuständige Marinestaatssektretär im US-Verteidigungsministerium Thomas Modly Anstoß genommen, was er im Entlassungsbrief an Crozier sowie bei einer denkwürdigen Ansprache am 5. April von der Brücke der im Hafen von Guam liegenden Theodore Roosevelt an die Besatzung des atomgetriebenen Schiffskolosses mehr als deutlich machte.

In Guam kritisierte Modly die Feststellung in Croziers Email, die zu der Demission führte, die USA befänden "sich nicht im Krieg", als verkürzte und fehlerhafte Bewertung der geopolitischen Lage: "Wir mögen uns technisch nicht im Krieg befinden. Aber lassen Sie mich eines klarstellen. Der einzige Grund, warum wir uns derzeit mit diesem Problem herumschlagen [gemeint ist die Covid-19-Seuche - Anm. d. SB-Red.], ist, weil ein großes autoritäres Regime namens China nicht mitteilsam gewesen ist, was dort mit diesem Virus los war. Sie haben die Welt der Gefahr ausgesetzt, um sich selbst und ihren Ruf zu schützen."

Genauso denken Trump, der eigentliche Urheber der Entlassung Croziers, sowie die wichtigsten Berater des US-Präsidenten wie Außenminister Mike Pompeo, der Handelsbeauftrage Peter Navarro, Justizminister William Barr sowie die beiden einflußreichen republikanischen Kriegsfalken im Senat, Tom Cotton aus Arkansas und Marc Rubio aus Florida. Aus Verärgerung über die angebliche Bevorzugung Chinas durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Trump am 14. April die finanzielle Unterstützung der USA für die UN-Unterorganisation gestrichen. Bereits vor Wochen hatte Pompeo China zur größten Bedrohung des "American way of life" erklärt. Navarro behauptet seinerseits, der Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation 2001 habe in den darauffolgenden Jahren in den USA nicht nur fünf Millionen Arbeitsplätze vernichtet und 70.000 Betriebe in den Ruin gestürzt, sondern durch den Armutsanstieg auch "Zehntausende von Amerikanern das Leben gekostet".

Bei einem Live-Interview am 9. April beim konservativen US-Nachrichtensender Fox News wurde Barr, ein langjähriger und mächtiger Insider des Politbetriebs in Washington, gefragt, wer, Rußland oder China, das größere "Sicherheitsrisiko" bei der bevorstehenden US-Präsidentenwahl sei. Barrs denkwürdige, weil vollkommen paranoide Antwort lautete wie folgt: "Meiner Meinung nach ist es China - nicht nur in bezug auf den Wahlprozeß, sondern über die gesamte Bandbreite. Sie sind nicht zu vergleichen. China ist eine sehr ernsthafte Bedrohung für die USA - geopolitisch, wirtschaftlich, militärisch sowie in bezug auf die Integrität unserer Institutionen, wenn man seine Fähigkeit, die Dinge zu beeinflussen, bedenkt. Die Chinesen betreiben gegen uns einen umfassenden Blitzkrieg. Sie stehlen amerikanische Technologie, versuchen unser politisches System zu beeinflussen, Geheimwissen aus unseren Forschungsinstituten zu stehlen und so weiter."

Den vorläufigen Höhepunkt der anti-chinesischen Hysterie in den USA liefert die April-Ausgabe von Proceedings, der altehrwürdigen Hauspostille der US-Kriegsmarine, die seit 1874 monatlich erscheint und vom United States Naval Institute an der United States Naval Academy in Annapolis, Maryland, herausgegeben wird. Zu den renommierten Autoren, deren Studien und Aufsätze über die Jahre bei Proceedings erschienen sind, gehören US-Präsident Theodore Roosevelt, Admiral Chester Nimitz, während des Zweiten Weltkriegs Oberkommandierender der alliierten Streitkräfte im Pazifischen Raum, der Historiker Alfred Thayer Mahan, Amerikas größter Geostratege im 19. Jahrhundert, sowie der Bestsellerautor von Agententhrillern Tom Clancy. In besagter April-Ausgabe von Proceedings sind gleich zwei Artikel erschienen, deren Autoren, Mark Cancian, Oberst a. D. der US-Marineinfanterie, der heute als Berater am renommierten Centre for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington tätig ist, und Brandon Schwartz, ein ehemaliger Medienberater beim CSIS, beide dafür plädieren, die USA sollten an private Söldnerfirmen Kaperbriefe ausstellen, damit diese der chinesischen Handelsflotte das Leben schwermachen.

Cancian und Schwartz vertreten die Ansicht, die Piraterie auf den Weltmeeren sei im 21. Jahrhundert für die USA ein geeignetes Mittel, um den Vorsprung Chinas im internationalen Warenhandel einzudämmen. Doch nicht nur das. Unter Verweis auf den Umstand, daß die USA dem Internationalen Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (United Nations Convention on the Law of the Sea - UNCLOS) von 1994 nie beigetreten sind, versteigen sich die beiden Provokateure zu der kühnen Behauptung, das Ausstellen von Kaperbriefen durch die US-Regierung zur Beschlagnahmung chinesischer Handelsschiffe und zur Geiselnahme chinesischer Seeleute wäre vollkommen legal. Mag sein, daß Cancian und Schwartz mit ihrer Auslegung des Seerechts formal gesehen richtig liegen. Doch wer denkt, vor dem Hintergrund der schrecklichen Erfahrungen Chinas mit den westlichen Kolonialmächten im 19. Jahrhundert ließe die Führung im Peking den Amerikanern irgendwelche Demütigungen der Piraterie durchgehen und würde nur "verhältnismäßig" darauf reagieren, ohne gleich den ganz großen Krieg ins Auge zu fassen, ist nicht bei Trost.

Zum Glück gibt es beim US-Militär auch besonnene Geister, welche die aktuellen Kriegsgefahren erkennen und versuchen, die Spannungen mit China soweit wie möglich abzubauen. Seit Monaten sorgt der oben erwähnte Senator aus Arkansas, Tom Cotton, mit der These, das Corona-Virus sei nicht einfach von der Tierwelt auf den Menschen übergesprungen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach in einem chinesischen Biowaffenlabor in Wuhan entstanden und von dort entweder mit Absicht freigesetzt worden oder aufgrund mangelnder Sicherheitsvorkehrungen entwichen, für Turbulenzen. Bei einer Pressekonferenz am 14. April im Pentagon trat Mark Milley, Generalstabschef der US-Streitkräfte, der These Cottons energisch entgegen. Milley zufolge sind die zuständigen Experten sämtlicher US-Geheimdienste der Frage der Entstehung von Sars-Cov-2 nachgegangen und nach Auswertung aller Daten zu dem Schluß gekommen, daß ein "natürlicher Ursprung" die plausibelste Erklärung für den Ausbruch der Corona-Virus-Pandemie darstellt.

15. April 2020


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