Schattenblick → INFOPOOL → RECHT → FAKTEN


INTERNATIONAL/377: Argentinien - Militante Gefängniskritik in Mar del Plata (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Argentinien
Militante Gefängniskritik in Mar del Plata

von Darío Maldonado


Eine Gruppe militanter gefängniskritischer Menschen besucht regelmäßig die örtliche Strafvollzugsanstalt und bietet Radio-Workshops für Inhaftierte an.

(Mar del Plata, 3. Mai 2024, npla) - Seit 200 Jahren wird die Gefängnisstrafe als eine Maßnahme zur Stärkung des Unrechtsbewusstseins, der Resozialisierung und der Prävention dargestellt, um die Bedrohung durch einen potenziellen Strafprozess zu verringern. Die militante Gefängniskritik lehnt die durch das Strafrecht legitimierte Gewalt ab und schlägt andere Wege der Konfliktlösung vor.

In Mar del Plata trafen wir uns mit einer Gruppe militanter gefängniskritischer Menschen, die regelmäßig die örtliche Strafvollzugsanstalt besuchen und mit den Häftlingen Radio-Workshops veranstalten. Die Teilnehmer sind überwiegend junge Leute aus marginalisierten Vierteln, die eine Strafe wegen Raubüberfällen absitzen. Dies ist der erste Eindruck, der uns wichtig erscheint, da die Situation in ganz Lateinamerika ähnlich ist. Die Inhaftierten sind überwiegend Jugendliche aus prekären Verhältnissen, die in die Kriminalität hineingestolpert sind und nun wegen kleinerer Diebstähle einsitzen, viele von ihnen zum ersten Mal.


Haftstrafe ist keine zufriedenstellende Lösung

Den Aktivist*innen der militanten Gefängniskritik geht es nicht darum, kriminelle Handlungen zu rechtfertigen, sondern die unterschiedlichen Sozialisierungen einzubeziehen, die zu Verbrechen führen, und entsprechend den Hintergrunden, den Mitteln und dem jeweiligen Zweck zu differenzieren. Nach Ansicht von Richter Juan Tapia [1] aus Mar del Plata, (den wir schon 2022 für radio matraca interviewt hatten) gibt es schwerwiegende Verbrechen wie Tötungsdelikte, Femizide, sexualisierte Gewalt und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die nach den traditionellen strafrechtlichen Richtlinien geahndet werden müssen. Der Anteil dieser Art von Inhaftierten sei jedoch verschwindend gering, so Tapia, verglichen mit der Zahl der Jugendlichen mit prekärem Hintergrund, die wegen kleinerer Diebstähle im Gefängnis sitzen.

Hinsichtlich dieser Kategorie von Gefangenen, die in den Haftanstalten in Mar de Plate und überall in Lateinamerika die Mehrheit bilden, stellt die Idee der Bestrafung nach Meinung der militanten Gefängniskritik keine zufriedenstellende Lösung des Konflikts dar. Viele der jungen Menschen, die durch den Strafvollzug resozialisiert und wiedereingegliedert werden sollen, waren nie sozialisiert oder eingegliedert in dieses System, in das sie sich nun "reintegrieren" sollen. "Im Leben dieser Menschen ist der Staat nie in Erscheinung getreten, um ihnen ihr Recht auf Bildung, ihr Recht auf Gesundheit oder den Zugang zu angemessener Arbeit zu garantieren. Der Staat tritt zum ersten Mal in Erscheinung, wenn es darum geht, sie einzusperren". (Juan Tapia youtube TEDx Talks)


Unnötigen Schmerz soweit wie möglich vermeiden

Die Aktivist*innen, die sich gegen diese Form der klassistischen Diskriminierung engagieren, schlagen andere Wege der Konfliktbearbeitung vor: Therapeutische Ansätze zur Wiedergutmachung und Versöhnung sollen unnötigen Schmerz so weit wie möglich vermeiden.

Ein praktisches Beispiel dafür sind die Workshops im Gefängniskomplex Batán am Rande der Stadt Mar del Plata, bei denen Podcasts für die Sendung Radio Ranchito produziert werden. Dort können sich die Inhaftierten aktiv einbringen und ihre Geschichten und die ihrer Freunde erzählen und ihre Musik vorstellen. Die Workshops sind nicht zuletzt eine Gelegenheit, um sich zu treffen, Kontakte zu knüpfen und der Hölle des Eingesperrtseins für eine Weile zu entkommen. Die Leiterin des Radioprojekt ist Juliana Arens, Dozentin an der Nationalen Universität von Mar del Plata und Aktivistin der militanten Gefängniskritik.


Podcast von radio matraca um mehr über das Projekt Radio Ranchito zu erfahren:
https://www.npla.de/thema/kultur-medien/radio-ranchito-el-ruido-que-hace-la-diferencia/

Deutsche Version des Beitrags:
https://www.npla.de/thema/repression-widerstand/radio-ranchito-der-laerm-der-den-unterschied-macht/

Mehr Podcasts in spanischer Sprache:
https://soundcloud.com/user-133997097


Anmerkung:
[1] https://www.npla.de/thema/repression-widerstand/la-situacion-pandemica-del-encierro-como-castigo/


URL des Artikels:
https://www.npla.de/thema/repression-widerstand/militante-gefaengniskritik-in-mar-del-plata/


Der Text ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

*

Quelle:
poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen
Herausgeber: Nachrichtenpool Lateinamerika e.V.
Köpenicker Straße 187/188, 10997 Berlin
Telefon: 030/789 913 61
E-Mail: poonal@npla.de
Internet: http://www.npla.de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 7. Mai 2024

Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang