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SOZIALES/106: Gesunde Umwelt - Für künftige Generationen (Securvital)


Securvital 1/23 - Januar/März 2023
Das Magazin für Alternativen im Versicherungs- und Gesundheitswesen

Gesunde Umwelt:
Für künftige Generationen

von Astrid Froese


Der ungebremste Ressourcenhunger moderner Industriestaaten geht mit massiven Umweltschäden einher. Indigene Völker kämpfen seit Langem für den Erhalt ihrer Lebensräume und finden zunehmend Gehör - auch weil ihr Wissen in Zeiten des Klimawandels so wichtig ist.


Ihr Kampf hat sich gelohnt. Den Bewohnern der einsam gelegenen Tiwi-Inseln im Norden Australiens ist es gelungen, den mächtigen Rohstoffkonzern Santos und seine geplanten Gasbohrungen per Gerichtsentscheid zu stoppen. Damit haben die Aborigines etwas geschafft, was Indigenen nicht häufig gelingt: ihr traditionelles Land gegen Begehrlichkeiten eines Industriekonzerns zu verteidigen. Mit dem Urteil des australischen Bundesgerichtshofs wurde ein neuer Standard gesetzt, freut sich die Umweltrechtsanwältin Alina Leikin. Es zeige, dass Unternehmen die Interessen indigener Völker künftig stärker respektieren müssten.

Vor Gericht hatten die Inselbewohner auf ihre jahrtausendealte Verbindung zu der Region verwiesen und geschildert, wie überlebensnotwendig die intakte Natur für sie sei. "Das Wichtigste für uns ist, unser Meeresgebiet zu schützen", sagt der Inselbewohner Dennis Tipakalippa, der die Klage im Juni eingereicht hatte. "Wir werden für unser Land und unsere Meere und für unsere zukünftigen Generationen kämpfen, egal wie hart und wie lange."

Das Urteil ist kein Einzelfall. Wiederholt haben Gerichte in den vergangenen Monaten im Sinne der First Nations entschieden und Politik wie Wirtschaft damit ermahnt, deren Interessen stärker zu respektieren.

Globaler Rohstoffhunger

Rund 6000 indigene Völker existieren weltweit. Obwohl ihre Gemeinschaften nur circa fünf Prozent der weltweiten Bevölkerung ausmachen, sind sie überproportional von Umweltkrisen betroffen. Denn seit jeher sind ihre Wirtschaft, Kultur und Religion aufs Engste mit der Natur verwoben. Und der Abbau von Kohle, Uran, Lithium, Nickel, Kupfer oder Eisenerz durch Industriekonzerne geht vielfach mit dauerhaften Umweltschäden einher.

"Für unseren Konsum und unsere Gier nach immer Mehr zahlen ausgerechnet indigene Bevölkerungen, die zumeist im Einklang mit der Natur leben wollen, einen schrecklich hohen Preis", sagt Antje von Broock, Geschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). "Unser Ressourcenhunger raubt und verseucht ihr Wasser, ihre Acker- und Weideflächen. Er verwüstet ganze Landstriche."

Nur ein einziges international völkerrechtlich bindendes Abkommen zum Schutz indigener Gemeinschaften besteht bislang: die ILO-Konvention 169. Sie verpflichtet ratifizierende Staaten dazu, die Rechte der Ureinwohner zu respektieren. Hinzu kommen eine Vielzahl nationaler Vereinbarungen und Absichtserklärungen. Doch wie häufig diese verletzt werden, zeigt sich am Beispiel der Uranindustrie.

Diese boomt weltweit. Besonders seit dem Ausstieg aus fossilen Energien wenden sich diverse Staaten verstärkt der Atomenergie zu, wodurch die Nachfrage nach Uran steigt. Circa 50 aktive Minen verteilen sich auf 16 Staaten. Die größten Reserven liegen in Kanada und Australien. Rund 70 Prozent der weltweiten Uranvorkommen befinden sich dabei auf dem Land indigener Völker. Teilhaben an Entscheidungsprozessen sowie am Gewinn der Konzerne tun diese - entgegen anderslautender Versprechungen - jedoch nicht. Wohl aber an den negativen Folgen für die Umwelt und ihre Gesundheit.

Fatale Folgen

Traditionelle Siedlungsgebiete und rituelle Stätten werden immer wieder zerstört oder verseucht. Indigene, die als Viehzüchter, Bauern, Jäger oder Fischer leben, verlieren ihre Existenz. Als billige Arbeitskräfte im Uranbergbau sind sie einem hohen Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Der außerordentlich umweltschädliche Abbau des Schwermetalls sowie die Endlagerung radioaktiven Mülls führen zu Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs bei den Arbeitskräften und schädigen die Lebensräume.

Ob Aborigines in Australien, amerikanische Lakota oder Navajo in den Vereinigten Staaten, Tuareg im Niger oder die Adivasi in Indien: Seit Langem protestieren Indigene gegen den Uranabbau mitsamt seinen Schäden. Immer wieder kommt es zu Protesten oder der Blockade von Minen - und neuerdings auch zu Bündnissen mit Aktivisten und Umweltschützern im Rahmen der Klimabewegung.

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Social Media als Protestkanal

Mit Stolz zeigen sie ihre farbenfrohen Bemalungen und Gewänder, ihren prächtigen Haarschmucck oder alte Rituale. Besonders junge Angehörige der First Nations haben soziale Medien wie Instagram oder TikTok für sich entdeckt, um ihre Traditionen zu präsentieren. Gleichzeitig verwenden sie diese auch dafür, sich im Rahmen ihrer Protestbewegungen zu vernetzen. Über die Online-Plattformen lassen sich Mitstreiter gewinnen und finanzielle Mittel beschaffen. Verbrechen auf indigenen Territorien können dokumentiert und publik gemacht werden. So wünschenswert diese Sichtbarkeit ist, so birgt sie in den Augen mancher Experten die Gefahr, als rein ästhetische Präsentation zu folgenlos zu bleiben. Denn solange sich der Protest auf soziale Medien beschränkt, sagt die Anthropologin Paja Daudree, werden die Interessen mächtiger Konzerne kaum gestört.
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Gemeinsame Ziele

Indigene Gemeinschaften leben seit jeher in einem Gleichgewicht mit ihrer Umwelt und tragen zum Erhalt der Ökosysteme bei. "Vor diesem Hintergrund sind die Territorien indigener Völker und ihr traditionelles Wissen mehr denn je von herausragender Bedeutung für den Erhalt der biologischen und kulturellen Vielfalt und für das zukünftige Leben der Menschheit weltweit", sagt die philippinische Expertin für die Rechte indigener Völker Vicky Tauli-Corpuz.

Welch große Irrtümer den Blick auf die Rolle indigener Gemeinschaften für den Naturschutz lange Zeit geprägt haben, erläutert Linda Poppe von der Menschenrechtsorganisation Survival International. So wurden Gebiete wie beispielsweise der Regenwald als Wildnis angesehen, die sich unberührt von Menschenhand entwickelt hat. Und dabei übersehen, dass indigene Völker einige der berühmtesten Wildnisgebiete über Tausende von Jahren geprägt haben. Durch den Anbau von Pflanzen, durch Rodung, Brände, Gärten und viele andere Methoden. Naturschützer haben diese Gebiete jedoch als unberührte Natur gesehen, weil sie nicht ihrer Vorstellung von menschengeprägter Landschaft entsprachen. Entsprechend wurde der Einfluss indigener Gemeinschaften auf diese Ökosysteme lange Zeit unterschätzt.

Damit einher geht laut Poppe auch der Irrtum, dass akademisch ausgebildete Menschen aufgrund ihres Fachwissens und ihrer technologischen Möglichkeiten für den Schutz der Natur kompetenter seien als die indigenen Bewohner. Eine Haltung, die im schlimmsten Fall dazu geführt hat, dass die Ureinwohner aus ihrer Heimat vertrieben wurden, um Naturschutzgebiete einzurichten.

Neue Herausforderungen

Der Klimawandel, da besteht unter Experten kein Zweifel, wird die Lebensbedingungen fast überall verändern. Er tut es bereits und auch dort, wo ein nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen fest verankert ist, wie das Beispiel Alaska zeigt.

Dort orientiert sich der Fischfang seit Jahrzehnten am grundlegenden Gebot indigener Lebensweise: der Natur nicht mehr zu entnehmen, als nachwachsen kann. Entsprechend wurde der Schutz der Fischbestände schon bei der Staatsgründung 1959 gesetzlich verankert. Strenge Fangquoten, zeitliche und räumliche Sperrgebiete sowie jährliche Bestandsaufnahmen sollen die Fischbestände sichern. Lachsfarmen sind verboten.

Lange Zeit haben diese Vorgaben die Gewässer Alaskas stärker geschützt als andere Fanggründe. Doch zuletzt gingen auch hier die Fischbestände zurück. Die Ursache: der Klimawandel. Steigende Wassertemperaturen haben wiederholt zu Massensterben von Kabeljau und Lachsen geführt, die auf ihrer Laichwanderung verendeten. Lachs bildet eine zentrale Lebensgrundlage der indigenen Völker Alaskas. Yup'ik, Athabasken und Gwich'in fischen ihn entlang des Yukonflusses seit mindestens 11.500 Jahren - ohne die Bestände je gefährdet zu haben.

Doch nun suchen zudem Algenblüten die nördlichen Küstenregionen Alaskas immer häufiger heim - ebenfalls verursacht durch die steigenden Temperaturen. Manche dieser Algen setzen tödliche Gifte frei und machen das Essen von Muscheln und Meerestieren für mehrere Monate im Jahr zu einem ernsten Gesundheitsrisiko. In Eigeninitiative erheben indigene Gemeinschaften vor Ort Messdaten dazu und bauen Überwachungsnetzwerke auf. Und demonstrieren mit ihrem Einsatz einmal mehr ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber natürlichen Ressourcen.

Bildunterschriften der im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildungen der Originalpublikation:

  • Australische Aborigines verhindern geplante Gasbohrungen.
  • Kanadische Häuptlinge protestieren in Toronto gegen den Abbau fossiler Brennstoffe.
  • Über Jahrtausende verfügten die Indigenen Alaskas über reiche Fischbestände

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Quelle:
Securvital 1/23 - Januar/März 2023, Seite 32-34
Das Magazin für Alternativen im Versicherungs- und Gesundheitswesen
Herausgeber: SECURVITA
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 3. März 2023

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