Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL - Presseinformation, 05.06.2025 / WSL News [1]
God da Tamangur: Die Geschichte eines symbolträchtigen Waldes
Der höchstgelegene, geschlossene Arvenwald Europas, der God da
Tamangur im Unterengadin, diente als Projektionsfläche für
verschiedenste Anliegen. Im letzten Jahrhundert hat sich der Wald
stark verändert. WSL-Forschende stellen seine Geschichte - und
Faszination - in einem neu erschienen Bericht vor.
Anfang Texteinschub
Tamangur
Aintasom S-charl (ingio sun rafüdats
tuots oters gods) sün spuonda vers daman,
schi varsaquants veidrischems dschembers stan
da vegldüm e strasoras s-charplinats.
Tröp sco l'ingual nu's chatta plü ninglur,
ultim avanz d'ün god, dit: «Tamangur». (...)
Peider Lansel
Tamangur
Ganz hinten im Scarltal, wo alle andern Wälder
aufhören, auf dem Abhang gegen Morgen, stehen viele
uralte Arven, von der Zeit und von den Stürmen
zerfetzt. Es ist eine Schar, wie man sie nirgends trifft;
der letzte Rest eines Waldes, genannt Tamangur. (...)
Übersetzung durch Andri Peer
Ende Texteinschub
Ein lockerer Wald aus mächtigen, wettergegerbten Arven. Einige der
mehrere Hundert Jahre alten Bäume sind bereits abgestorben; ihre
verdrehten Äste und silbergrauen Stämme ragen kahl in den Himmel.
Holzreste liegen am Boden. Ein den Naturgewalten der Alpen und dem Tod
trotzender Verband uralter Arven, ein Wald aus mächtigen Einzelbäumen -
so wirkte der God da Tamangur im Unterengadin, am Ende des Val
S-charl auf 2300 Metern Höhe, über Jahrhunderte. Und diente damit
Dichterinnen und Dichtern, Patrioten und Forstleuten, Kunstschaffenden
und Naturschützern als Inspiration und Symbol - für den Tod wie für
die Widerstandskraft und die Schönheit der Natur.
«Dabei starb der Wald gar nicht, auch wenn es für manche so aussah», sagt WSL-Forscher Matthias Bürgi. «Arven werden uralt. Er verjüngte sich nur nicht, weil er als Waldweide diente und das Vieh nachwachsende Bäume auffrass.» Der Forscher und seine WSL-Kollegin Susan Lock sind der Geschichte des God da Tamangur nachgegangen und haben sie im neu erschienenen WSL-Bericht «God da Tamangur - ein Wald und seine Geschichte(n)» zusammengefasst. Sie nutzten dafür Quellen, die von alten Forstberichten über Fotografien bis zu Interviews reichen.
Der rätoromanische Dichter Peider Lansel war einer, der das mächtige Bild der sterbenden Baumriesen nutzte. Sein Gedicht «Tamangur» (s.o.) endet mit den Worten: «Rettet mit eurer Liebe unsere Sprache vor dem Schicksal von Tamangur!» Dass der Wald damals allerdings überhaupt noch existierte, dürfte laut den Forschenden der Unzugänglichkeit seines Standortes zu verdanken sein: «Im Tal gab es ein Blei- und Silberbergwerk», erzählt Bürgi, «für das die ganze Umgebung kahlgeschlagen wurde.» Der God da Tamangur sei diesem Schicksal wohl entgangen, weil es nicht möglich war, die mächtigen Stämme bis dorthin zu transportieren.
So blieben seine Arven stehen und konnten als Projektionsfläche für die verschiedensten Anliegen dienen. So auch für den Naturschutz. Die landschaftliche Schönheit seiner Lage, die Seltenheit eines reinen Arvenwaldes, seine Faszination - «Der God da Tamangur wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Standort eines Schweizerischen Nationalparks propagiert», berichtet Bürgi. Das wurde er zwar nicht, aber 2007 zum Naturwaldreservat erklärt. Die Waldweide, die ihn über Jahrhunderte geprägt hatte, war bereits in den Jahrzehnten zuvor stark zurückgegangen, was das Aufkommen junger Bäume begünstigte.
Dadurch hat sich das Bild des Waldes drastisch gewandelt, wie eine
Reihe eindrücklicher Vorher/Nachher-Fotografien im Bericht zeigen: Der
God da Tamagur präsentiert sich heute als lebendiger, geschlossener
Bestand, in dem junge Arven verschiedenster Altersklassen zwischen den
uralten Riesen wachsen. Der Wald und die ihn umgebende Landschaft
werde sich weiter verändern, schreiben die Forschenden, etwa weil sich
die Nutzungsansprüche wandeln, und die Klimaerwärmung Spuren
hinterlassen werde. Es sei zu hoffen, dass der God da Tamangur, seine
Schönheit und Faszination erhalten bleibe, um weitere Generationen zu
inspirieren.
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WSL Publikationen
God da Tamangur - ein Wald und seine Geschichte(n)
Der Arvenwald God da Tamangur, der im Zentrum dieses Berichts steht,
gehört sicher zu den bekanntesten Wäldern der Schweiz. Neben der
Tatsache, dass es sich dabei wohl um den höchstgelegenen geschlossenen
Arvenwald Europas handelt, hat gewiss auch die landschaftliche
Schönheit des ihn umgebenden Tals zu seiner Bekanntheit
beigetragen.
WSL Berichte 1702025
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Quelle:
Presseinformation vom 05.06.2025
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veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 11. Juli 2025
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